Ist das schon der Startschuss für eine Jahresend- Rally?
14. November 2005Wirtschaftsdaten ziehen Börsen nach oben
Hatte ich es Ihnen nicht letzte Woche gesagt? Politische Börsen haben kurze Beine. Die Affäre um die Enttarnung einer CIA-Agentin, in die das Weiße Haus offensichtlich verwickelt ist, schlägt zwar in Washington hohe Wellen, aber nicht mehr an den US-Börsen. Daran konnten auch die jüngsten Umfragen nichts ändern, die für US-Präsident Bush verheerend ausfielen. Nach einer Umfrage des Fernsehsender ABC sagten 58% der US-Bürger, ihr Staats- und Regierungschef sei nicht ehrlich. Es ist das erste Mal überhaupt, dass eine Mehrheit der US-Bürger Bush für unehrlich erklärte. Der Fernsehsender CBS hatte ebenfalls eine Umfrage veröffentlicht, nach der nur noch 35% der US-Bürger Bushs Amtsführung unterstützen. Das sind die schlechtesten Umfragewerte für Bush seit seinem Amtsantritt im Januar 2001. In dieser Woche spielte das an der Börse aber keine Rolle.
Bush so unbeliebt wie noch nie
Und das haben wir den hart arbeitenden Amerikanern zu verdanken, die sich offensichtlich in den Fabriken und sonst wo richtig ins Zeug gelegt haben. Denn die Produktivität ist im 3. Quartal 2005 unerwartet stark gestiegen. Auf Jahressicht gesehen, verbesserte sich der Produktivitätszuwachs um 4,1% und lag damit fast doppelt so hoch wie von Volkswirten erwartet wurde. Die Produktivität misst den Output pro Arbeiter und Stunde. Eine gestiegene Produktivität bedeutet, dass ein Unternehmen effizienter arbeitet, was ein wenig den Druck steigender Löhne wegnimmt und zu mehr Beschäftigten führen kann. Und, das ist die eigentliche Überraschung für inflations-sensible Investoren: Die Arbeitskosten sanken im 3. Quartal unerwartet um 0,5%, nachdem sie im 2. Quartal mit 1,8% stark gestiegen sind.
Wird die Fed jetzt Zinserhöhungspause machen?
Der jetzt veröffentlichte Produktivitäts-Report ist vor allem für Investoren eine gute Nachricht, die sich wegen fortgesetzten Zinserhöhungspolitik der amerikanischen Notenbank Sorgen machen. Die Fed hat in dieser Woche den Zinssatz auf 4% erhöht, zum 12. mal in Folge. Damit liegt der kurzfristige Zinssatz doppelt so hoch wie in der EU, was natürlich amerikanische Staatsanleihen für ausländische Investoren wesentlich interessanter macht als europäische. Die Folge: Kapital strömt in die USA. Die Inflationsangst in den USA bleibt aber ein Thema. „Die Menschen sind zuversichtlicher, was die Wachstumsperspektiven der Wirtschaft anbelangt“, so Gordon Fowler, der Finanzchef von Glenmede Trust, „die Frage bleibt aber, wie wir mit der Inflation umgehen.“ Es wird erwartet, dass die Fed auf der nächsten Sitzung im Dezember den Zinssatz erneut um einen Viertelprozentpunkt anhebt.
Wie werden die Verbraucher auf hohe Heiz-und Stromkosten reagieren?
Einen Dämpfer hat gestrige Rally trotz der guten Wirtschaftsdaten doch erhalten, weshalb die Indizes von den Tageshöchstständen wieder abgegeben haben. Denn der Ölpreis ist gestern Nachmittag nach einigen Wochen der Schwäche wieder angesprungen, und das kurz bevor die kalten Wintermonate anstehen, die dann in der Regel zu noch höheren Energiepreisen führen. „Wir machen uns definitiv Gedanken darüber, wie die Verbraucher reagieren werden, wenn sie die hohen Heiz- und Stromkostenrechnungen erhalten werden“, so Russ Koesterich, Senior Portfolio Manager bei Barclays Global Investment. Eine Konsumzurückhaltung ist mit Sicherheit nicht das, was die US-Wirtschaft brauchen kann.
Zunächst einmal lautet es aber im Spiel Washington gegen Wall Street 1:1. Und wir halten an unserer vorsichtigen Strategie fest, sukzessive Trader-Positionen aufzubauen und genauso konsequent Werte durchs Stops abzusichern bzw. glatt zu stellen.




