WTO-Verhandlungen gescheitert – Nachricht geht im Tagesgeschäft unter
16. August 2008Finanzkrise, Inflation, Ölpreis, Leitzinsen – in dem ganzen Trubel der letzten Wochen ist eine Nachricht völlig untergegangen, die die Weltwirtschaft auf Jahre hinaus beeinflussen wird: das Scheitern der Welthandelskonferenz (World Trade Organisation, WTO). Neun Tage hatten Vertreter aus mehr als 100 Nationen in Genf in Verhandlungen versucht, einen weltweiten Abbau von Handelsschranken in einem neuen Welthandelsabkommen zu beschließen.
Welthandelskonferenz gescheitert
Jetzt steht man vor einem Trümmerhaufen und schiebt sich – wie immer nach jeder der bisher ergebnislosen Verhandlungsrunden – gegenseitig die Schuld in Schuhe. Begonnen hatten die Welthandelsgespräche 2001 in Doha, der Hauptstadt des Emirats Katar. Seit dieser Zeit liegen sich Industriestaaten sowie Schwellen- und Entwicklungsländer in den Haaren, um ein für alle Seiten akzeptables Gleichgewicht zwischen einer völligen Marktöffnung und dem notwendigen Schutz vor allem des Agrarsektors zu beschließen. Ohne Erfolg, und das zum wiederholten Mal. Denn bereits im September 2003 waren entsprechende Gespräche in der mexikanischen Küstenstadt Cancún im Sand verlaufen.
Streit zwischen USA sowie Indien und China
Zu Fall gebracht hat die Verhandlungen im Wesentlichen das Zerwürfnis zwischen den USA auf der einen sowie Indien und China auf der anderen Seite. Letztere bestanden auf Regeln, die die Entwicklungs- und Schwellenländer vor billigen Nahrungsmittelimporten aus den Industrienationen zum Beispiel durch Zölle schützen sollten, was wiederum von den USA, die auf eine völlige Öffnung der Märkte pochten, strikt abgelehnt wurde. Damit ist auch die Hoffnung auf eine Besserung der weltweiten Nahrungskrise fürs erste gestorben. Denn durch den Abbau von Handelsschranken und Subventionen für landwirtschaftliche Produkte auf beiden Seiten wäre der Handel mit Nahrungsmitteln unter dem Strich günstiger geworden.
Schwarzer Tag für den Welthandel
Die Börsen hat diese Entwicklung ziemlich kalt gelassen, da direkte Auswirkungen der missglückten WTO Verhandlungen nicht zu verspüren sind. Und es sieht auf den ersten Blick auch so aus, als seien die Auswirkungen des Scheiterns mehr psychologischer Natur wie zum Beispiel ein nachlassendes Vertrauen in ein weltweit funktionierendes Welthandelssystem. Auch die Hoffnung auf wichtige Konjunkturimpulse ist dahin, die gerade jetzt in Phasen einer rückläufigen Weltwirtschaft von großer Bedeutung gewesen wären. Tatsächlich aber lässt sich eine solche Entwicklung auch bemessen. So schätzt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass allein ein Zollabbau von 50 Prozent in der Landwirtschaft und in der Industrie weltweit so genannte Wohlfahrtsgewinne von rund 44 Mrd. USDollar pro Jahr erbringen würde. Gleichzeitig würden Importe verbilligt, was wiederum den Anstieg der Verbraucherpreise und damit die weltweit massiv zunehmende Inflation eindämmen würde. Ganz andere Probleme plagen derzeit den Bankensektor. Denn es sind nicht nur Abschreibungen in Milliardenhöhe, Stellenabbau und Kursverluste, die die Branche verkraften muss – jetzt kommen auch noch Schadensersatzklagen vieler Privatanleger und institutioneller Investoren hinzu. So sind unter anderem bisher die Citigroup und Merrill Lynch betroffen und Sie können sicher sein, dass noch mehr dazu kommen. Deshalb gehen wir davon aus, dass uns die Negativschlagzeilen und die Krise im Finanzsektor noch weit mehr als einige Monate verfolgen wird.




